Welche Technologien schaffen tatsächlich Entlastung in der Pflege? Wie gelingt die Integration neuer Systeme in bestehende Prozesse? Und welche Hürden müssen dabei überwunden werden? Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu bekommen, sind wir regelmäßig unterwegs und besuchen Pflegeeinrichtungen, die bereits Praxiserfahrung mit digitalen und innovativen Lösungen in der Pflege haben. In unserer Reihe „KiPf on Tour" sprechen wir sowohl mit Verantwortlichen in der Einrichtungsleitung als auch mit denjenigen, die die Technologien am Ende nutzen – den Pflegenden.
Diesmal waren wir zu Gast im Haus Curanum in Karlsfeld (Landkreis Dachau), einer stationären Pflegeeinrichtung der Korian Deutschland GmbH.
Projekt „Pflege 2030" – Die Pflegeeinrichtung der Zukunft
Im Haus Curanum Karlsfeld bei München lief rund dreieinhalb Jahre lang das Modellprojekt „Pflege 2030". Im Rahmen des Projekts wurden verschiedene innovative Lösungen eingeführt und im laufenden Pflegebetrieb getestet. Durch den Einsatz dieser Technologien sollen Arbeitsabläufe verbessert, das Pflegepersonal entlastet und die Qualität der Betreuung langfristig gesteigert werden.
Das Projekt ist Ende 2022 gestartet und wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert. Als Projektpartner beteiligt waren die Korian Stiftung für Pflege und würdevolles Altern, die Korian Deutschland GmbH, die Universität Bremen und das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen.
Die folgenden Technologien wurden getestet:
- Dokumentation
- Mobile Pflegedokumentation (MD Stationär)
- Sprachbasierte Pflegedokumentation (VOIZE)
- Monitoring
- Bewegungs- und Sturzsensorik (Livy Care)
- Digitale App zur Sturzprävention (Lindera)
- Sozial-emotionale Aufgaben
- Digitaler Aktivitätstisch (CareTable)
- Tablet für digitale Aktivitätsspiele (Media4Care)
- VR-Brille für virtuelle Ausflüge (VitaBlick)
- Hauswirtschaft und körperliche Aufgaben
- Reinigungsroboter (Pudu CC1)
- Drehbare Toilette (BanoBad)
- Arbeitsorganisation und -kommunikation
- Kommunikations-App (LUCI-App)
Der folgende TV-Beitrag des Bayerischen Rundfunks gibt einen Einblick in einige der in Karlsfeld eingesetzten Technologien:
Im Gespräch mit den Projektverantwortlichen
Bei unserem Besuch gaben uns Einrichtungsleiter Holger Jantsch und Viola Baumgärtner von der Korian Stiftung einen Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen mit den Technologien – und welche Herausforderungen im Projektverlauf aufgetreten sind. So musste beispielsweise im ersten Jahr des Projekts die komplette Einrichtung zunächst einmal mit Glasfaser und WLAN ausgestattet werden. Erst danach konnten monatlich neue Technologien eingeführt werden.
Ein entscheidender Aspekt für deren erfolgreiche Integration war für Jantsch die Bestimmung einer verantwortlichen Person. Eine Implementierung „nebenbei" durch das Pflegepersonal, während dieses weiterhin seine pflegerischen Aufgaben erfüllt, sei kaum möglich. Deshalb wurde für das Projekt Stephan Schoeneich, Qualitätsmanager der Einrichtung, als digitalaffiner Verantwortlicher bestimmt, der sich ausschließlich um die Implementierung der neuen Technologien kümmerte und auch die Schnittstelle zwischen den Mitarbeitenden und dem Fraunhofer-Institut bildete.
Einige der erprobten Technologien wurden als spürbare Entlastung im Arbeitsalltag und Bereicherung für die Bewohner wahrgenommen. Bei anderen stellte sich der Einsatz in der Einrichtung als weniger nützlich heraus. Für viele der getesteten Technologien zieht Jantsch aber ein positives Fazit. Als besonders hilfreich schätzt er die digitale Pflegedokumentation samt Spracheingabe ein:
„Das ist eine riesige Zeitressource, die wir hier freilegen. Mir hat mal ein Mitarbeiter, eine Fachkraft, gesagt, dass er in der Regel früher fast bis zu zwei Stunden geschrieben hat. […] Der hat jetzt teilweise nur noch eine halbe bis dreiviertel Stunde gebraucht. […] Am Ende des Tages geht es ja nicht darum, irgendwelche Stellen freizusetzen, sondern, dass die Mitarbeiter wieder für diese Tätigkeiten da sind, für die sie den Beruf gelernt haben."
Holger Jantsch, Einrichtungsleitung Haus Curanum Karlsfeld
Praxishandbuch zum Projektabschluss
Der ausführliche Erfahrungsbericht samt wissenschaftlicher Evaluation wurde bei der Abschlussveranstaltung des Projekts am 8. Juli 2026 in Karlsfeld vorgestellt. Dort war auch die Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerin Judith Gerlach zu Gast, die noch einmal die Relevanz des Projekts Pflege 2030 betonte: „Ziel des Projekts war es, die Personaleinsatzplanung und den Einsatz von Technik besser miteinander zu verbinden. Konkret ging es darum, Technik und digitale Prozesse so einzusetzen, dass Arbeitsabläufe optimiert werden können. Damit kann sich das Personal stärker auf die Pflegebedürftigen konzentrieren, wodurch die Qualität in Pflege und Betreuung langfristig weiter verbessert wird."
Dass die Zeit, die die Pflegekräfte durch die neuen Arbeitsprozesse einsparen konnten, tatsächlich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung ankommt, bestätigte Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen, der das Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert hat.
Um die Erfahrungswerte aus dem Projekt als Blaupause für andere Einrichtungen nutzbar zu machen, wurden sie in einem umfangreichen Praxishandbuch zusammengefasst. Dieses steht nun auf der Projektseite der Korian Stiftung frei zum Download zur Verfügung. Den Link finden Sie am Ende dieses Beitrags.
Das Handbuch stellt u.a. die erprobten Technologien näher vor, erklärt den Einsatz in der Einrichtung und ordnet diese auch im Hinblick auf anfallende Kosten und ihren wirtschaftlichen Nutzen ein. Darüber hinaus werden Empfehlungen für die Implementierung gegeben.
Auch Holger Jantsch und Stephan Schoeneich ziehen im Praxishandbuch ihr Fazit zum Projekt. Hier einige Ausschnitte aus dem Interview:
Wie es in Karlsfeld nach dem Projektende weitergeht, ist noch offen. Auf Grundlage der wissenschaftlichen Evaluation wird nun die Korian Deutschland GmbH entscheiden, welche Technologien in den Regelbetrieb übernommen und auch in anderen Korian Einrichtungen eingeführt werden sollen.
Innovative Lösungen aus der Pflegepraxis
Weitere Erfahrungen und Anwendungsbeispiele zu innovativen Technologien in der Pflege finden Sie in unseren Lösungen.
Wir bedanken uns herzlich, dass sich die Projektverantwortlichen im Haus Curanum Karlsfeld die Zeit für uns genommen haben und dass wir auch bei der Abschlussveranstaltung dabei sein durften. Aus den Gesprächen konnten wir viele interessante Impulse für das KiPf mitnehmen.
Das KiPf-Team zu Gast im Haus Curanum Karlsfeld
Zum Abschluss hier noch ein paar Eindrücke von unserem Besuch in Karlsfeld im Video:
Weiterführende Informationen
- Das Praxishandbuch zu Pflege 2030 zum Download
- Mehr Infos zum Projekt „Pflege 2030"
- Mehr Infos zu den eingesetzten Technologien im Projekt
- Mehr Infos zur Korian Stiftung für Pflege und würdevolles Altern
- Mehr Infos zum Haus Curanum Karlsfeld