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Ratgeber-Blog

Neues und hilfreiche Tipps aus der innovativen Pflege

Was ist innovative Pflege? – Teil 3: Nachgefragt bei Prof Dr. Marcel Sailer

Drei Wünsche für die innovative Pflege - von Prof. Dr. Marcel Sailer

Was ist nötig, um innovative Technologien von der Theorie in die Pflegepraxis zu bringen? Als Experte auf dem Gebiet des Praxistransfers evidenzbasierter Pflege hat uns Prof. Dr. Marcel Sailer diese Frage bei der Eröffnungsveranstaltung der Bayerischen Forschungsinitiative Pflegetechnik (FiPtec) Anfang Juli beantwortet. Außerdem hat er uns verraten, was innovative Pflege für ihn bedeutet und was er sich für die Pflege der Zukunft wünscht. Seine Antworten können Sie in Auszügen hier nachlesen oder in voller Länge am Ende des Beitrags als Video ansehen.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Marcel Sailer

Prof. Dr. Marcel Sailer ist Professor für Pflegewissenschaft an der Technischen Hochschule Rosenheim. Sein Fokus liegt insbesondere auf dem Praxistransfer evidenzbasierter Pflege.

Zudem leitet er das Skills- und Simulationslabor Pflege der Hochschule, das als Nahtstelle zwischen Hochschule und Pflegepraxis ein zentraler Lernort für die Entwicklung pflegeberuflicher Handlungskompetenz ist.

Was bedeutet innovative Pflege für Sie?

Sailer: „Innovative Pflege sind für mich alle digitalen Transformationsprozesse und alle digitalen Technologien, die dabei helfen den Kernprozess in der Pflegeversorgung zu verbessern. Kernprozess ist immer noch die menschliche Interaktion, der Beziehungsaspekt mit den Patienten und Pflegeempfängern zusammen. Wenn Innovationen dazu dienen, den Kernprozess zu unterstützen, dann ist genügend Raum, um innovative Konzepte, um diesen Versorgungsprozess dann weiterzuentwickeln und zu verbessern."

Was ist nötig, um innovative Technologien von der Forschung in die Praxis zu bringen?

Sailer: „Zunächst brauche ich eine grundlegende Infrastruktur, damit Pflegeforschung überhaupt stattfinden kann. Insbesondere auch in Bereichen der häuslichen Versorgung, der stationären Langzeitversorgung und der kommunalen Pflegeversorgungsstrukturen, wo eben ein riesengroßer Anteil an pflegerischer Versorgung stattfindet. Und ich brauche vor allen Dingen eine ausgeprägte Bedarfsorientierung. Wir sehen, dass nicht eine Technik für alle Bereiche die Lösung erbringen kann, sondern dass ich hochgradig individualisierte Bedarfe habe. Und dazu brauche ich Strukturen, um die zu erforschen und zu entwickeln und eben gemeinsam dann passgenaue Lösungen anbieten zu können."

Innovative Lösungen aus der Pflegepraxis

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Was erhoffen Sie sich vom KiPf?

Sailer: „Wir haben in bisherigen Forschungsprojekten immer wieder festgestellt, dass Technologien und technologische Bezüge natürlich nicht immer das primäre Kerngeschäft von Pflegepraktikern sind, aber dass sie sehr wohl affin für solche Entwicklungsprozesse sind. Das heißt, sie brauchen ein Backup, ein Netzwerk, ein Ansprechsystem, wo Profis tätig sind, die qualitätsgesicherte Informationen weitergeben können. Auch eine Datenbank, welche Innovationen es überhaupt gibt. Die technischen Innovationen sind so schnell und kurzlebig – da brauche ich einfach Profis im Hintergrund, an die ich mich wenden kann. Und da sehe ich das KiPf als sehr wertvolle Institution, an die ich mich eben bei Fragen, in denen ich in der Pflegeversorgung nicht mehr weiterkomme, wenden kann und die mich dazu beraten können."

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Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für die Pflege der Zukunft wünschen?

Sailer: „Nur drei? [lacht] Ein wichtiger Wunsch wäre für mich eine konzertierte Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz, weil ich glaube, wenn die digitale Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung nicht ausreichend ausgeprägt ist, dann werden wir diese technologischen Entwicklungen nicht in den Lebensalltag der Menschen bringen. Und dazu brauchen wir strukturelle Voraussetzungen. Dazu brauchen wir auch konzertierte Initiativen. Ich glaube, dass Pflegefachpersonen sehr gut in der Lage sind diese digitalen Kompetenzentwicklungen zu begleiten, weil sie sehr nah an der Lebenswelt, an den Bedarfen der Menschen dran sind und hier auch übersetzend tätig werden können. Das wäre mein erster Wunsch. 

Der zweite Wunsch wäre die Implementierung der klinischen Pflegeforschung in allen Settings, um diese Technologien in den Versorgungsbezügen ganz konkret zu erforschen, zu übertragen und eben auch letztendlich dort zu verankern. Dazu braucht es natürlich auch strukturelle Voraussetzungen für die Pflegenden, um den Raum für die Beratungsaspekte, für die Begleitung letztendlich zu bieten. Denn die Technologie an sich, bietet nicht die Lösung, sondern der Carry-Over-Effekt, diese in die Lebenswelt zu übertragen, ist das Aufwendigste. Das ist zeitaufwendig und muss letztendlich natürlich auch in einer Leistungssystematik sich widerspiegeln. Wir erleben sehr häufig in ambulanten Pflegediensten, die häufig konfrontiert werden mit den Technologien, dass sie eben auch Strukturen brauchen, um zu sagen, wir beraten hier schon gerne, aber wir brauchen den Raum, die Zeit und natürlich auch die Möglichkeiten der Abrechnung für diese Leistung. 

Und der dritte, wenngleich eigenständige oder größte Wunsch: Wir haben viel auf den Weg gebracht, politisch-strukturell, mit der Heilkundeübertragung, mit APN, mit der Akademisierung, und haben uns da auf einen guten Weg gemacht. Aktuell sehen wir aber gerade Entwicklungen der GKV-Beitragsstabilisierung, die diese ganze Entwicklung konterkarieren. Und das macht uns schon große Sorgen, wie wir in diesen Strukturen tatsächlich die Forschungs-, Entwicklungs- und letztendlich auch die Versorgungsstrukturen aufrechterhalten können. Das muss besser miteinander koordiniert und abgestimmt werden. Bei allem Verständnis für die Sparzwänge, die wir aktuell haben, aber ein Pflege-Budget zu rasieren oder die PPR 2.0 zu rasieren – das wird uns nicht helfen, um hier nachhaltige Strukturen aufzubauen. Und da hoffen wir doch auf ein Überdenken dieses Prozesses. Das wäre ein großer Wunsch meinerseits."

Das komplette Interview als Video

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